Um es vorwegzunehmen... In einigen Landstrichen der ehemaligen DDR gibt es tatsächlich ein Problem mit der braunen Pest, da hilft kein Wenn und Aber.
Gerade deshalb und aufgrund der weltfremden, unrealistischen Erklärungsversuche von Befürwortern wie Gegnern dieser Aussage, kann man inzwischen nur noch von einer weiteren verlogenen Ost-West Diskussion sprechen. Wie üblich, scheint es den Protagonisten eher um Profilierung und Wählerstimmen, der anderen Seite um die weitere Diskreditierung der DDR zu gehen, statt um wirklich realistische Aufarbeitung der Ursachen für diese Problematik.
Die Krönung der für dieses Land mittlerweilen typischen Verlogenheit ist wohl die heute eingereichte Strafanzeige wegen "Volksverhetzung" gegen den Verursacher dieser Diskussion, den ehemaligen Pressesprecher der rot-grünen Regierung Uwe-Karsten Heye, der inzwischen verzweifelt versucht seine Aussage zu relativieren.
Warum tut er das eigentlich? Er hat doch recht?!
Was ich persönlich jedoch als noch unerträglicher empfinde, ist nicht das Vertuschen und Totschweigen offensichtlicher Systemmängel, sondern die Instrumentalisierung dieses Sachverhaltes, um wieder einmal die Vergangenheit von 16 Millionen Bürgern dieses Landes in Misskredit zu bringen.
Es häufen sich Stimmen, die das Bildungssystem der DDR im Speziellen, sowie die Gesellschaft der DDR im Allgemeinen für den heute existierenden braunen Sumpf verantwortlich machen. Da wird mit Begriffen wie Blockwartmentalität, Entindividualisierung, totalitärer Erziehung oder traditionellem Rechtsradikalismus (man höre und staune) hantiert, um die Verantwortung am heutigen Zustand von sich zu weisen und der ehemaligen DDR in die Schuhe zu schieben. Man schreckt nicht einmal davor zurück, seine eklatanten Bildungslücken offen zur Schau zu stellen, indem man Nationalsozialismus und Sozialismus auf eine Stufe stellt...
ARGHH!!!
Ich war zum Zeitpunkt des Mauerfalles 23 Jahre alt, habe also meine Kindheit und Jugend komplett in der DDR verlebt -und- kann dadurch sicher erheblich besser über "Nazis im Osten" philosophieren, als manch westdeutscher Journalist oder Politiker, der die DDR nur von "draußen" oder durch Springer-Presse und TV kennengelernt hat.
In meine Schule gingen mehrere ausländische Kinder, darunter Polen, Russen und Angolaner sowie auch Mischlingskinder von Gastarbeitern und Deutschen. Nur wenige Kilometer von unserem Haus entfernt war zudem ein Ausländerwohnheim mit zumeist kubanischen Gastarbeitern, die im nahegelegenen Reifenwerk arbeiteten oder ausgebildet wurden. Ebenfalls nur einige Kilometer in der anderen Richtung befand sich die TU Dresden, in der weitere Ausländer studierten und lehrten.
Ich kann mich an _keinen_ einzigen Vorfall erinnern, in dem andere Menschen wegen ihrer Herkunft oder anderen Hautfarbe beleidigt oder gar verletzt worden wären. Im Gegenteil! Einer meiner besten Freunde z.b. hatte einen angolanischen Vater, wir sind viel zusammen durch die Gegend gezogen und nie gab es Probleme mit rassistischem Hintergrund...
Faschismus, Rassismus und Antisemitismus waren bis zur völligen Erschöpfung durchgekaute Themen im Schulunterricht der DDR und absolut unerwünschte Gesinnungsrichtungen. Man kann selbstverständlich nicht ausschließen, daß es immer und überall Idioten gibt, die derartigen Gedanken nachhängen, auf Interesse oder gar Gegenliebe stießen diese Individuen in der Gesellschaft der DDR jedenfalls nicht. Damit war es für sie auch unheimlich schwer, sich zu organisieren und ihre kranken Ansichten weiterzugeben.
Von einer flächendeckenden Neonazi-Tradition in der DDR zu sprechen, ist jedenfalls schlicht unverschämt und absolut realitätsfremd.
Die Ursachen sind auf einer ganz anderen Ebene zu suchen. Fremdenfeindlichkeit, Nationalismus und andere faschistische Ideale benötigen einen Nährboden. Sie resultieren aus der Not einzelner Bevölkerungsschichten und deren Bestreben, den Verantwortlichen für diesen Zustand ausfindig zu machen. Daher wundert es nicht, das sich Zentren neonazistischer Aktivitäten im Osten (wie übrigens auch im Westen) auf soziale Brennpunkte mit besonders hoher Arbeitslosigkeit konzentrieren.
Ein perfektes Beispiel dafür ist ein besonderes Problemgebiet, die Region "Sächsische Schweiz" bei Dresden, die über den höchsten Anteil Neonazis sowie rechten Wählern in Deutschland verfügt, aber auch eine Region mit weit überdurchschnittlich hoher Arbeitslosigkeit repräsentiert.
Wo liegen die Ursachen?
An dieser Stelle muß die Frage erlaubt sein, wer eigentlich für die Schließung und Abwicklung des größten Arbeitgebers der Region, dem VEB Kunststoffwerk Sebnitz verantwortlich zeichnet? Wieso wurde ein Betrieb mit hohem Exportvolumina, zunächst als sicher sanierbar bezeichnet, von der Treuhand für ein paar Mark verschleudert? Wen repräsentierte diese Treuhand? Welche machtpolitischen und profitwirtschaftlichen Hintergründe gab es dafür? Und dieses Beispiel ist durchaus kein Einzelfall! Flächendeckend wurde eine ganze Wirtschaft, egal ob betroffene Betriebe sanierungsfähig oder in Einzelfällen gar konkurrenzfähig waren, gnadenlos abgewickelt. Heerscharen von Betrügern und dubiosen Geschäftemachern zogen durchs Land, gewissenlose Kapitalisten mißbrauchten den Osten als Billiglohnzone und reklamierten eine angeblich niedrigere Arbeitsproduktivität (wer einmal im Westen arbeiten war weiß, das das Gegenteil der Fall ist) als Rechtfertigung für ihre widerlichen Raubzüge.
Der durchschnittliche Ossi musste in den letzten 16 Jahren im Durchschnitt 260 Stunden pro Jahr, d.h. immerhin 32 Tage mehr arbeiten (40-Stunden Woche) und bekam für die gleiche Arbeit zudem nur 80% des Gehaltes seines westdeutschen Kollegen, teilweise sogar noch deutlich weniger. Wurde er dann arbeitslos, weil profitgierige Investoren die Firma wo er angestellt war ruinierten, hatte er eine deutlich niedrigere Berechnungsgrundlage für Arbeitslosengeld und zusätzlich niedrigere (ostdeutsche) Zahlbeträge, wurde also ein weiteres Mal über den Tisch gezogen. Arbeitslosigkeit hier war daher nicht selten gleichzusetzen mit Armut. Die Folgen von Armut (Bildungsmangel, Alkoholismus, Asozialität) dürften hinreichend bekannt sein, oder?
Und weil all das noch immer nicht genug ist, demotiviert man den abgehalfterten Arbeitssklaven auch noch zusätzlich, indem man ihm latente Faulheit unterstellt und ihn als "Jammerossi" und Sozialschmarotzer betitelt. Wer würde da nicht resignieren?
Anstatt das Medien und Politik dieser Entwicklung entgegenwirken und die wirklich Verantwortlichen für diesen Zustand, nämlich gewissenlose Geschäftemacher, profitgierige Kapitalisten und das internationale Finanzkapital, letztlich also dieses kranke System benennen, werden stattdessen noch nationalistische Kampagnen wie
"Du bist Deutschland" ins Leben gerufen.
Da wundert es auch kaum, das diese sauteure Kampagne gar nicht so innovativ ist, wie uns deren Macher verkaufen wollen. Sie ist auch nicht neu, das gabs doch alles schonmal vor gar nicht allzu langer Zeit...
Und da wundert man sich ernsthaft, das unter diesen Umständen der westdeutsche Exportschlager "Nazi" hier im Osten auf fruchtbaren Boden fallen konnte?
Tja, meine Herren Politiker, ihr erntet heute die Saat der Arbeit, die Ihr in den letzten 16 Jahren geleistet habt und heute noch leistet!
pharao
PS: Ein wirklich guter
Beitrag zu dieser Verdummungskampagne...